Hochsensibilität: Alles nur erfunden oder Temperament mit Tiefgang?

Hochsensibilität – Was ist dran an dem Phänomen?

Ob Hochsensibilität ein Persönlichkeitsmerkmal ist oder nicht – darüber diskutiert die Wissenschaft nach wie vor. Die Theorie besagt, dass hochsensible Menschen mehr Informationen und Reize wahrnehmen, sie intensiver empfinden und mehr Zeit brauchen, um Erlebnisse zu verarbeiten. Was ist dran an dem Phänomen? Was sagen die Kritiker? Und was die Befürworter?

Noch ist die Welt der Psychologie gespalten, was das Thema Hochsensibilität angeht. Die Kritiker sagen, dass es keine ausreichenden Forschungsergebnisse gäbe, die das Merkmal so genau beschreiben, dass eine sichere “Diagnose” möglich wäre. So kommt es, dass viele Ärzte und Psychologen das Phänomen nicht anerkennen oder ihm sogar noch nie begegnet sind. Hochsensibilität gehört nicht zum Lehrstoff in Psychologie. Andere sind der Meinung, dass sich Hochsensibilität erst durch psychische Erkrankungen ausprägt, was bedeuten würde, dass alle Menschen, die sich in der “Hochsensibilitäts-Schublade” zu Hause fühlen, aus Sicht dieser Psychologen als psychisch krank einzustufen wären oder zumindest in der Vergangenheit psychisch krank gewesen sein müssen.

Hochsensibilität als Persönlichkeitsmerkmal

Die Befürworter sehen das ganz anders, darunter sind auch Psychologen und Coaches, die das Thema Hochsensibilität bereits in ihre Arbeit mit Menschen einbeziehen. Für sie ist Hochsensibilität ein Merkmal, dass auf 15-20 Prozent der Menschen zutrifft. Diese Sichtweise geht auf die Forschungen von Elaine N. Aron zurück. Sie gilt als Pionierin der Hochsensibilitäts-Forschung, obwohl bereits viel früher auch andere Forscher und Psychologen sich mit der Materie beschäftigt haben, dass manche Menschen “empfindlicher” reagieren als andere. Dazu gehören Iwan Pawlow, Carl Gustav Jung und Jerome Kagan. Ende der 70er Jahre hat der Psychologe Wolfang Klages das Buch “Der sensible Mensch” veröffentlicht, in dem er über seine Erfahrung mit sensiblen Menschen berichtet. Er hat bei seiner Arbeit festgestellt, dass nicht alle Menschen mit psychischen Auffälligkeiten gleich sind und dass es unter seinen Patienten Menschen gibt, die über eine besonders feine Wahrnehmung berichten, was andere wiederum nicht tun. Elaine Aron hat ihre Forschungen in den 90er Jahren veröffentlicht und die Begrifflichkeiten High Sensory Processing Sensitivity und Highly Sensitive Person geprägt. Auf Deutsch bedeutet letzterer hochsensible Person oder hochsensible Persönlichkeit – kurz HSP.

Erkenntnis Hochsensibilität

Wenn man von dieser Theorie ausgeht, dann kann Hochsensibilität zwar ein Merkmal sein, dass psychische Probleme begünstigt. Doch Hochsensibilität ausschließlich als Folge psychischer Probleme zu betrachten, ist augenscheinlich zu kurz gedacht. Heute weiß man, dass es bereits bei Babys Abstufungen in der Sensibilität gibt. Und davon auszugehen, dass bereits Babys psychisch so labil sind, dass man sie als “krank” einstufen müsste, halte ich für ziemlich verrückt. Und damit bin ich wahrscheinlich nicht allein.

Raus aus den Vermutungen der Wissenschaft, rein in die Realität des Lebens. Ganz gleich, was es wissenschaftliche betrachtet “wirklich” mit dem Phänomen Hochsensibilität auf sich hat und ob man es sicher feststellen kann, dass jemand hochsensibel ist oder nicht. Für mich war immer klar: Ich hatte seelische Herausforderungen im Laufe meines Lebens, aber ich habe mich nie “krank” gefühlt. Als ich dann auf das Thema Hochsensibilität gestoßen bin, war das wie ein Befreiungsschlag – mit anhaltender Wirkung … Und das geht nicht nur mir so. Wenn es Themen gab, die mich blockierten, habe ich mich mit meinen Freunden oder meinem Partner darüber ausgetauscht, habe Tränen geweint, die geweint werden wollten. Und wenn es dann immer noch nicht besser war, hab ich mir einen Coach an die Seite geholt, um das Thema in einen neuen Rahmen zu setzen, einen, der mir hilft, mich und meine Eigenschaften zu reflektieren, mit den Realitäten des Lebens konstruktiv umzugehen und mit neuer Stärke neue Wege zu gehen. Und das war immer erfolgreich.

So viel zu meiner Geschichte. Ich denke: Wenn die Erkenntnis Hochsensibilität so viel bewegen kann, dass es auf einmal möglich ist, die eigenen Geschichte noch einmal ganz neu und viel positiver zu beleuchten, ist das ein Beweis mehr dafür, dass an dem Phänomen etwas dran sein muss.  Ich bin jedenfalls gespannt, wie es mit der HS-Forschung weitergeht.

Wie es mit der Forschung weitergegangen ist kannst Du in meinem Buch “Wer stärker fühlt, hat mehr vom Leben” nachlesen, das im April 2020 erschienen ist.

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